Was meint „Asian-American Cinema“?

Den folgenden Text habe ich im letzten Semester im Zuge eines Seminars zum Thema „Minderheiten im Film“ für ein Online-Dossier der Uni verfasst. Da hier jetzt wieder eine Weile nichts kam und ich gerade noch mit anderen Blogeinträgen und Abgaben fürs Studium beschäftigt bin, wollte ich die Gelegenheit nutzen, diesen jetzt endlich hier zu teilen. Ich hatte den Beitrag bereits vor einer ganzen Weile in einer Podcastepisode angekündigt. Das Ganze hat aufgrund meiner Faulheit leider bis jetzt gedauert. Ich hoffe, es gefällt euch trotzdem.

„Asian-American.“ Bei diesem doch sehr unbestimmten Begriff handelt es sich nach heutigem Verständnis mehr um eine Selbstbezeichnung als alles andere. Es ist eine verhältnismäßig junge Bezeichnung, die erst ab den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts in diesem Sinne verwendet wurde. Das Label, welches gleichzeitig auch ein ziemlich allgemeiner Sammelbegriff ist, wird von all denjenigen verwendet, die sich mit ihm identifizieren. Dabei handelt es sich hauptsächlich um junge Amerikaner*innen mit chinesischen, koreanischen, japanischen oder philippinischen Wurzeln.

Die Geschichte von Einwanderern aus verschiedenen Ländern Asiens nach Amerika reicht jedoch noch deutlich weiter zurück. Schon seit dem 17. Jahrhundert wurden Inder als Sklaven oder Bedienstete in die USA gebracht und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen erste chinesischen Immigranten nach Kalifornien. Dort durften sie sich meistens entweder beim Bau des amerikanischen Schienennetzes beinahe zu Tod arbeiten oder wurden in der Landwirtschaft eingesetzt. An der Westküste siedelten sich auch in den kommenden Jahrzehnten Auswanderer aus anderen asiatischen Ländern an, um dort – in den meisten Fällen ebenfalls in der Landwirtschaft – Arbeit zu finden. Das Resultat der gestiegenen Einwanderungen waren zahlreiche Anti-Immigrationsgesetze sowie genereller Rassismus gegenüber den Eingewanderten. Der Kampf gegen eben diese Gesetzte sowie für mehr Rechte mach(t)en einen signifikanten Teil der asiatisch-amerikanischen Geschichte aus. Historisch besonders schwer hatten es diesbezüglich die Familien japanischer Einwanderer, die nach dem Angriff der imperialen Armee auf Pearl Harbour mit noch mehr rassistischer Diskriminierung zu kämpfen hatten als ohnehin schon. Japan-Amerikaner wurden alleinig aufgrund ihrer Herkunft bis zum Kriegsende in sogenannte „Internment Camps“ (von den Betroffenen auch gerne als Konzentrationslager bezeichnet) gesteckt und dort festgehalten. Die Internierung war für viele Familien ein unfassbar traumatisches Ereignis, welches unter anderem auch in Form von Filmen verarbeitet wurde (z.B. in STRAWBERRY FIELDS).

Die Einwanderer aus dem Osten waren bereits in den Filmen der 1910er Jahre präsent. Die in dieser Ära vermittelten Filmbilder waren allerdings oftmals alles andere als authentische und mehrschichtige Darstellungen asiatischer Figuren. Vielmehr finden sich in den meisten Filmen nur eindimensionale, exotische Antagonisten à la FU-MANCHU oder gut gemeinte, aber trotzdem rassistisch überzeichnete Protagonisten wie CHARLIE CHAN, welche natürlich so gut wie immer von weißen Darstellern verkörpert wurden. Umso interessanter wird es, wenn man den sich bereits in dieser Zeit formierenden Widerstand asiatisch-amerikanischer Filmschaffender betrachtet: Ebenfalls Ende der 10er Jahre realisierte die Haworth Pictures Corporation unter der Leitung des Schauspielers Sessue Hayakawa mehrere Streifen, welche dem bereits etablierten Stereotyp entgegenzuwirken suchten. In diesen konnten so auch endlich tatsächliche Schauspieler*innen asiatischer Herkunft in entsprechenden Rollen besetzt werden (z.B. in THE DRAGON PAINTER). Die Produktionsfirma bestand jedoch nur von 1918 bis 1922 und hatte mit ihrem Output entsprechend keine großen oder nachhaltigen Auswirkungen auf die damalige Filmindustrie. Fürs erste blieben nur die Fremddarstellungen prägend.

Das was heutzutage hauptsächlich als Asian American Cinema verstanden wird, begann allerdings erst deutlich später; um genau zu sein im Los Angeles und New York der 1970er Jahre. An der Westküste formierte sich innerhalb der UCLA die Organisation Visual Communications und an der Ostküste entstand 1975 (u.a. durch dir Veranlassung des heute bekannten Hong-Kong-Regisseurs Tsui Hark) die Asian CineVision. Bei beiden handelt es sich um Vereinigungen, welche es sich zur Aufgabe gemacht haben, amerikanische Filmemacher*innen asiatischer Herkunft besonders zu unterstützen und generell Filme, welche Asian Americans darstellen, mehr ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Mit dieser Zielsetzung sind beide Organisationen genauso wie die mit ihnen verknüpften Filmfestivals auch heute noch aktiv.

In Folge dieser Entwicklung gab es eine Vielzahl an neuartigen und interessanten Filmen von Asian-Americans. Titel wie CHAN IS MISSING, BETTER LUCK TOMORROW, THE DEBUT oder THE NAMESAKE kamen in die Kinos und Regisseure wie Wayne Wang oder Justin Lin konnten sich auch über diese Titel hinaus in der Industrie etablieren. In diesem Abschnitt des Asian American Cinema standen aber nicht mehr wie noch in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts nur der Wunsch nach „positiver Repräsentation“ im Vordergrund. Vielmehr sind es die neu entstandene Kultur, aber auch die Konflikte zwischen amerikanischer Kultur und den aus den ehemaligen Heimatländern der Familien beibehaltenen Traditionen und Konventionen, welche innerhalb der erzählten Geschichten verhandelt werden. Im Angesicht der so begonnenen Aufarbeitung von und des Umgangs mit verschiedenen kulturellen Stereotypen scheint die schlichte Forderung nach einer „positiven Darstellung“ von Asian-Americans sogar eher unangebracht. Demgemäß werden in Filmen wie z.B. John Moritsugus TERMINAL USA, der das verrückte Leben einer japanisch-amerikanischen Problemfamilie darstellt, zahlreiche kulturelle Klischees sogar vollkommen bewusst komplett ins Lächerliche gezogen. So scheint auch dieses noch in heutigen Filmen dominierende Thema des asiatisch-amerikanischen Kinos ein nicht zu überwindendes Klischee zu sein: Die Wichtigkeit von Familie für die alte und traditionelle Generation, der Wunsch der jüngeren Familienmitglieder, sich im freien Amerika selbst zu verwirklichen, und wie diese beiden Erwartungshaltungen im Konflikt miteinander stehen. Besonders brisant wird dieses Spannungsfeld zum Beispiel in LGBTQ+-Geschichten wie THE WEDDING BANQUET, SAVING FACE oder SPA NIGHT. Aber auch in Filmen, welche die benannte Thematik eigentlich gar nicht verhandeln (z.B. SEARCHING), spielen die familiären Verhältnisse zumindest auf indirekte Weise eine große Rolle. Das hat aber möglicherweise auch einfach mit der Art und Weise zu tun, auf die der amerikanischen Filmmarkt funktioniert.

Nicht zu verachten sind außerdem gewisse Entwicklungen der amerikanischen Kinolandschaft innerhalb der letzten paar Jahre: Mit CRAZY RICH ASIANS und THE FAREWELL gab es gleich zwei Filme mit einem ausschließlich aus Asiaten und Asian-Americans bestehenden Hauptcast, welche sowohl kritisch als auch finanziell gewaltige Erfolg erzielen konnten. Gleichzeitig zeigt sich auch der Einfluss des chinesischen Filmmarktes auf amerikanische Studioproduktionen immer mehr (z.B. in Blockbustern wie THE MEG und PACIFIC RIM: UPRISING). In naher Zukunft dürfen sich diesbezüglich also noch einige weitere relevante Entwicklungen beobachten lassen.

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