Filmkritik: Gefährliche Leidenschaft/Gun Crazy (1950)

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Damit ist der Film wenig überraschend nach 87 Minuten Laufzeit vorbei. Schüsse hat man durch die gesamte Laufzeit hinweg bereits mehrfach krachen gehört, aber erst am Schluss hat es so wirklich geknallt. Gut standen die Sterne für das Paar Annie (Peggy Cummins) und Bart (John Dahl) von Anfang an nicht, doch spätestens ab dem Überfall auf das Lagerhaus in der Mitte des Films hat sich immerzu deutlicher abgezeichnet, dass auch diese typische Bonnie-und-Clyde-Geschichte kein gutes Ende haben kann. Und das obwohl die ursprüngliche Intention Barts gar keine bösartige gewesen zu sein schien. Früher oder später musste jedoch das Telos, welches den für die Überfälle verwendeten Instrumenten innewohnt, zum Vorschein kommen. Ein Massaker war unvermeidlich.

Zu Beginn ist die Haltung des Protagonisten Bart gegenüber den Schusswaffen dabei noch eine ganz naive. Logisch: Er ist am Anfang der Geschichte ja auch noch ein Kind. So sind die Mordwerkzeuge für ihn erst nichts weiter als Spielzeug, welches er unbedingt besitzen und benutzen will. Und wenn er es nicht bekommt, nimmt er halt einen Stein und holt sich die verführerisch glitzernde Waffe direkt aus dem Schaufenster. Dass das Schießen mit realer Munition ebenso reale Konsequenzen mit sich bringt, wird sich bald zeigen. Damit der kleine Junge seine Lektion lernen kann, muss erst ein unschuldiges Tier sterben.

Gänzlich geläutert wird Bart durch diesen Vorfall allerdings nicht. Seine Coming-of-Age Geschichte, welche in Haupthandlung eingewoben ist, wird in dieser Hinsicht noch deutlich finsterer und verdrehter. Eines Tages nämlich trifft er beim Besuch einer Zirkusshow Annie, welche als Gunslingerin und Cowgirl dessen Hauptattraktion darstellt. Wie es das klassische Narrativ verlangt, verdreht die gefährliche Schönheit Bart natürlich den Kopf.  Sie wird sein Verhängnis sein und ihn zu furchtbaren Dummheiten verleiten. Thematisch passend zu Annies erstem Auftreten folgt ein wahres Westernspektakel voller Überfälle, rauchender Colts und erschlaffender Körper.

An dieser Stelle wünschte ich mir fast, ich wäre bereits besser mit Freud vertraut, denn auch ohne weitreichendes Fachwissen merkt man Gun Crazy an, dass es sich bei ihm um eine wahre Goldgrube für Psychoanalytiker handelt. Hier sind Colts nicht nur Colts. Sexual- und Todestrieb sind durchweg in den phallischen Objekten, welche die Handlung des Films dominieren, miteinander verschränkt. Aber nicht nur Siegmund winkt einem entgegen; Jacques ist ebenfalls mit von der Partie. Letzterer zeigt sich interessanterweise gerade in einer Szene, die für den restlichen Handlungsverlauf lediglich als „Auslöser“ relevant ist. Genauer gesagt handelt es sich nur um eine spezifische Einstellung, die durch ihren Kontext mit einer besonderen symbolischen Bedeutung versehen wird:

Gerade hat Bart Allie in einem fairen Schützenduell besiegt. Er will mit Allie abhauen, was ihr Arbeitgeber und eigentlicher Liebhaber Packett offensichtlich nicht einfach so hinnimmt. Die beiden Männer beginnen, miteinander zu ringen. Im Kampf gewinnt Bart letztendlich die Oberhand und feuert eine Kugel in Richtung seines Gegners. Diese geht allerdings gezielt an Packett vorbei und trifft stattdessen einen hinter ihm befindlichen Spiegel. Der Schuss zerstört hier zwar keinen fleischlichen Körper, neben dem kalten Gegenstand selbst aber noch etwas viel Wichtigeres, was durch diesen repräsentiert wird: Packetts Spiegelbild ist wie sein Selbstbild als Chef wie als Liebhaber durch diese Niederlage zerbrochen. Das ist alles andere als subtil, dafür umso leichter verständlich und wirksam. Anhand dieser Situation sowie weiterer, über die Handlung verteilter Momente, zeigt sich, dass Waffen nicht nur unmittelbaren, materiellen Schaden zufügen. Ebenso kann ihr Gebrauch starken „seelischen“ oder zwischenmenschlichen Schaden anrichten.

Wie sich zeigen dürfte, ist Originalität nicht wirklich die Stärke von Gun Crazy. Der Film punktet dafür mit zahlreichen spannenden und intensiven Setpieces, sowie seiner generellen Dramaturgie und symbolisch-thematischen Überladenheit. All das zusammen zeigt sich am wirkungsvollsten im Finale, in welchem das Verbrecherpaar sein blutiges Ende findet: Eingekesselt in einem nebeligen Sumpf geraten Annie und Bart in Bedrängnis. Können sie noch entkommen? Sollten sie sich stellen oder doch bis zum bitteren Ende kämpfen? Nichts davon ist der Fall, denn Bart erschießt Annie, bevor diese sich ins Gefecht stürzen kann. Gleichzeitig bewahrt er sie jedoch auch vor den Salven der Polizei, welche ihn im Anschluss auf seine Tat durchlöchern. Die Beziehung zwischen den beiden war, wie man es von Anfang an ahnte, selbstzerstörerisch. Als letzte Einstellung sehen wir eine dunkel poetische Kamerafahrt, welche ein weiteres, stark symbolisch aufgeladenes Bild enthüllt. Es wird klar: Eine Flucht aus dieser Situation wäre unmöglich gewesen, da die beiden in ihren letzten Momenten in einem blubbernden Kessel gefangen waren, welcher ihnen womöglich schon einen kleinen Vorgeschmack auf die Hölle geben sollte.

 

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