Filmkritik: A Hometown in Heart/Ma-eum-ui go-hyang (1949)

Der kleine aber feine Streifen A Hometown in Heart ist einer der ganz wenigen (erhaltenen) koreanischen Filme, die tatsächlich vor Beginn des Koreakrieges gedrehtt und fertiggestellt wurden. Nicht einmal 80 Minuten läuft das Drama um den kleinen Jungen Do-seong, der als Mönch in einem buddhistischen Tempel lebt, weil seine Mutter ihn verlassen hat. Schon seit mehreren Jahren wartet er auf ihre Rückkehr, doch bisher ist sie nie gekommen. In seiner aktuellen Situation steht das Kind in einem Spannungsfeld zwischen der sittlichen Strenge des Buddhismus, dem Wunsch nach familiärer Nähe und Zuneigung, dem Einfluss anderer Kinder und dem eigenen Verlangen nach Selbstverwirklichung.

Nach dem Vorspann, der mit den die Namen der Crewmitglieder begleitenden kindlichen Zeichnungen beinah wie aus einem Bilderbuch wirkt, taucht die Kamera direkt ein in die atemberaubende Landschaft Koreas. Frei von jeglicher musikalischer Untermalung enthüllt ein langsamer Kameraschwenk das wunderschöne Panorama der Wälder, der „Beautiful Rivers and Mountains“ dieses Landes. So gleitet die Kamera weiter zu einer Tempelanlage. Immer noch wird neben dem Beten der Mönche kein größerer Laut vernommen, bis der kleine Do-seong die Glocke des Tempels geräuschvoll zum läuten bringt: Das Kind unterbricht in seinem Spiel die stille Ordnung der Dinge. Ganz zweifellos: Dieser Filmemacher versteht sein Handwerk.

A Hometown in Heart kann sich in dieser Hinsicht durchaus messen mit den frühen Meisterwerken eines Ozu oder Mizoguchi, wobei der bloße Vergleich eigentlich schon etwas ungerecht ist. In der Leistung von Regisseur Yoon Yong-kyu zeigt sich zwar der Einfluss vieler früher Meister (neben den bereits benannten hier und da noch ein Hauch Renoir), jedoch bleibt das Werk eine eigenständige Errungenschaft, welche das Herz eines jeden Freunds des filmischen Realismus höher schlagen lassen wird.

So beobachtet man als Zuschauer ständig Leuten dabei, wie sie simple und alltägliche Arbeiten immerzu erfüllen. Man bekommt einen Einblick in den Alltag dieser Menschen, welche zu einer anderen Zeit in einem ganz anderen Teil der Welt gelebt haben. Auf diese Weise sieht man, dass eben jene einem selbst vielleicht fremd wirkenden Menschen doch bereits sehr ähnliche Sorgen und Anstrengungen zu bewältigen hatten, wie man selbst heute noch. A Hometown in Heart erzeugt allerdings nicht nur auf diese Art und Weise Empathie beim Schauenden. Auch die ausführliche Darstellung der buddhistischen Zeremonien und der Tradition mit all ihrer Sittenstrenge hat denselben Effekt. Und gerade dadurch, dass der Film keine explizite Kritik an diesen Systemen tätigt, wirkt er zutiefst humanistisch.

Dementsprechend verhandelt der Film eben auch den Konflikt zwischen Freiheit und gesellschaftlicher Zugehörigkeit, zwischen kindlichem Spiel und „Ernst des Lebens.“ In vielen Figuren besteht ein Wunsch nach Glück, welches völlig unabhängig von allen äußeren Bedingungen ist. Doch natürlich kann es nicht sein. Nur im Traum schafft es Do-seong wunschlos glücklich zu werden, dadurch dass seine Mutter nach all den Jahren endlich zu ihm zurückkehrt. Über der Traumsequenz liegt jedoch beständig eine kreisförmige Bildmaske, welche absichtlich aus dem sonst so realistisch gestalteten Stil des Werks heraussticht: Ein solches Szenario ist ledigliches Wunschdenken. So neigen sich auch in der Realität Kindheit, Naivität und Unschuld einem Ende zu. Denn aufgrund einer moralischen Verfehlung bleibt Do-seong die wahrscheinlich beste Chance auf ein neues Leben und eine Familie, die sich ihm bietet, durch den Tempelvorsteher verwehrt. Zwar darf er am Ende des Films doch noch frei von den bisherigen Zwängen alleine hinaus in die Welt gehen, doch wird er jemals wirklich ein neues Zuhause finden?

Jedem, der im Kino gerne Lebenswelten kennen lernen möchte und am Nachdenken über deren soziale Verhältnisse oder auch der reinen Ästhetik dieser Gefallen findet oder einfach auf der Suche nach Menschlichkeit ist, sei A Hometown in Heart herzlich empfohlen.

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