Abschließende Gedanken zu James Cavells Shogun (1980)

Die TV-Erstausstrahlung der auf James Clavells gleichnamigen Roman basierenden Mini-Serie „Shogun“ im Jahr 1980 führte in den USA zu einem regelrechten Boom in der Nachfrage nach japanischen Kulturgütern. So entstand in Amerika unter anderem noch im gleichen Jahr der Film „Shogun Assassin“: Ein auf englisch synchronisierter Zusammenschnitt der ersten beiden Filme der in den 70er Jahren von Shintaro Katsu produzierten „Lone Wolf and Cub“ Filmreihe. Die Serie überbrückte also in ihrer Wirkung, ähnlich wie die Charaktere in ihr im Laufe der Handlung, einen Spalt zwischen Kulturen.

Nachdem Anfang des 17. Jahrhunderts der englische Schiffsnavigator John Blackthorne (Richard Chamberlain) eines Nachts mit seinem Schiff in einen schweren Sturm gerät, wacht er am nächsten Morgen in einem ihn völlig fremden Haus auf. Er ist an der japanischen Küste gestrandet. Sein Schiff ist noch da. Allerdings wird er von den in Japan ansässigen portugiesischen Jesuiten der Piraterie bezichtigt und zusammen mit seiner Mannschaft von den Samurai eingesperrt. Als Blackthorne endlich wieder frei kommt, setzt er natürlich alles daran, sein Schiff zurückzubekommen und so schnell wie möglich aus dem fremden Land  zu verschwinden. Schnell wird ihm jedoch klar, dass er mit seiner „westlichen Art“ in Japan nicht weiterkommt und ist somit gezwungen, seine Vorurteile gegenüber dieser ihm so fremden Kultur zu überwinden und mit den ihm eigentlich suspekten Samurai zusammenzuarbeiten. Außerdem trifft er im Laufe seiner Entwicklung einige ehrwürdige Stars des japanischen Kinos. Darunter Nobuo Kaneko und Toshiro Mifune.

Inszenatorisch wird von Regisseur Jerry London dafür das gesamte Potenzial des alten 1,37:1 Fernsehformat ausgeschöpft. Wenngleich viele der beeindruckenden Massenszenen im CinemaScope Format natürlich noch einmal deutlich besser funktioniert hätten, verleihen die Landschaften, Kulissen und Kostüme der Serie doch einen gewissen Schauwert. Shogun mag visuell zwar weder mit Opulenz eines Kurosawa Films noch mit der „Poliertheit“ heutiger sogenannter Qualitätsserien mithalten können, allerdings zeigt es sehr gut die Stärken der Ästhetik einer längst vergangenen Epoche der Fernsehgeschichte. Die musikalische Gestaltung hingegen wirkt eher uninspiriert und eben sehr typisch für diese Art von Abenteuergeschichte. Dem Genre entsprechend gibt es außerdem einige sehr melodramatische Handlungsteile, die sich zwar meistens relativ reibungslos in das Gesamtgeschehen einfügen, jedoch auch an manchen Stellen einfach unschön herausstechen. Dergleichen ist aber nun einmal zu erwarten, wenn man es mit einer Serie aus einer Zeit zu tun hat, in der Twin Peaks noch über keinen amerikanischen Fernseher geflimmert war.

Viel interessanter ist hingegen, wie die Serie Begegnung von und das sich entwickelnde Verständnis unter verschiedenen Kulturen porträtiert. Blackthorn, der irgendwann der Einfachheit halber schlicht Anjin-san (Herr Navigator) genannt wird, wird zur Schlüsselfigur in einem bereits zuvor bestehenden Konflikt um Macht- und Wirtschaftsinteressen anderer Nationen. Doch er ist trotz seiner Rolle als Protagonist weit davon entfernt, einen bedeutenden Einfluss auf den Verlauf der Ereignisse zu haben. Die Handlung bestimmt zum allergrößten Teil nämlich gar nicht er. Vielmehr haben die bereits lange zuvor etablierten Herrschaftsstrukturen alles unter Kontrolle. Er ist eine keiner Seite zugehörige Spielfigur, die sich ihrer Rolle bewusst ist und versucht, ihr zu entkommen. Als Außenseiter in diesem Machtkonflikt zwischen zwei Kulturen bleibt ihm folglich gar nichts anderes übrig, als sich an das japanische Leben anzupassen und die damit einhergehenden neuen Verhaltensregeln mit seinem englisch geprägten, moralischen Kompass zu vereinbaren. Zwangsweise muss er also auch die japanische Sprache erlernen, um vom lediglich Anwesenden zum Teilnehmer zu werden. Gleiches gilt für die Zuschauer, denn für kein gesprochenes Wort Japanisch gibt es Untertitel.

Durch diesen Zwang ist es dem Zuschauer nämlich trotz der westlichen Perspektive der Erzählung möglich, selbst über die Moral der meisten Handlungen zu entscheiden und so sowohl die Fehler der damaligen japanischen als auch der europäischen Kultur(en) zu erkennen. So liegt Blackthorn nach dem Abgleich mit seinen eigenen Moralvorstellungen das ihm eigentlich fremde Japan deutlich näher als das bekannte aber feindselige Portugal. Zwar werden die strengen und brutalen Sitten im alten Japan, nach denen jeder mit dem Tod bestraft wird, der sich nicht entsprechend zu verhalten weiß, kritisiert, gleichsam kommen allerdings eben auch die Westler mit ihren Nations- und Glaubenskonflikten und ihrem zum Teil abscheulichen Rassismus alles andere als gut weg. Ebenfalls sind die Antagonisten der Serie interessanterweise immer gerade diejenigen Charaktere, die aufgrund einer bereits zu festen Formung durch bestehende Wertesysteme nicht dazu fähig sind, Kompromisse einzugehen und Konfliktsituationen somit nicht einvernehmlich lösen können. Durch all dies erreicht Shogun, dass wir selbst in unserem Denken und Handeln über das Paradigma unserer primären kulturellen Prägung hinaussteigen, um so in jeder Situation richtig und mit gutem Gewissen urteilen zu können.

 

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